Hypothalamische Amenorrhoe - Was Stress mit unseren Hormonen macht // Teil 2

Hypothalamische Amenorrhoe Helen Ergeç

Wie bereits angekündigt, geht es wieder um den weiblichen Zyklus und Stress. Und während es im letzten Artikel dieser Reihe erst mal um die physiologische Grundlage von Stress im Körper ging, soll es in diesem Artikel ein bisschen mehr um meine eigenen Erfahrungen gehen.

 

Deshalb hole ich ein bisschen weiter aus. Ich bin ziemlich früh gewachsen und habe mich auch früh entwickelt, sodass ich eines der ersten Mädchen war, das einen weiblichen Körper entwickelt hat. Ich habe mit 11 Jahren das erste Mal meine Tage bekommen und habe auch angefangen BHs zu tragen, während meine Mitschülerinnen noch eher kindlich waren. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich meinen Körper als zu groß und zu weiblich empfand. Und obwohl ich immer schlank war, habe ich schon früh das Gefühl gehabt, abnehmen zu wollen, um so dünn und mädchenhaft wie die anderen zu sein. Ich habe meinen Körper und seine weiblichen Formen eher abgelehnt und mich unwohl in meiner Haut gefühlt. Trotzdem habe ich immer schon sehr gerne gegessen und gutes Essen genossen. So war ich in meiner Familie als Kind bekannt dafür, besonders viel und gerne zu essen.

 

Ich hatte meinen ersten Freund und fing mit 15 an, die Pille zu nehmen und meine Angst vor dem Zunehmen wurde größer und ich begann kontrollierter zu essen und möglichst auf das Abendessen zu verzichten. Als wir uns dann trennten, verlor ich das erste Mal wirklich Gewicht und wurde immer dünner. Nachdem ich die Pille dann  absetzte, blieb meine Periode aus. Bis dahin war meine Menstruation sehr regelmäßig gewesen und ich habe mir nie wirklich Gedanken über meinen Zyklus gemacht, weil er von sich aus so wunderbar funktionierte. Als meine Periode dann nicht kam, vermutete ich zunächst, dass es einfach eine Nebenwirkung des Absetzens der Pille der Grund dafür war. Aber als sie dauerhaft ausblieb und ich anfing, mich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen, wurde mir klarer, dass auch mein niedriges Gewicht eine Rolle spielen könnte. Durch die Unterstützung von Freunden und Familie nahm ich wieder zu und entdeckte meine Freude am Essen wieder und es bestätigte sich – denn auch meine Periode setzte wieder ein.

 

Damit ist die Geschichte mit Problemen mit meinem Zyklus aber noch nicht vorbei.

Hypothalamische Amenorrhoe Helen Ergeç Füße

Ich fing an zu studieren, zog aus und lernte meinen jetzigen Mann kennen. Wieder begann ich die Pille zu nehmen (natürlich weil es als die einfachste Lösung erschien...) und begann parallel mehr Sport zu machen. Und merkte, dass Sport auch eine Möglichkeit ist, den eigenen Körper und das Gewicht zu kontrollieren. Mein Mann war damals auch sehr sportlich und ich wollte auch fit und muskulöser und „sportlicher“ sein. Gleichzeitig begann ich auch mich bewusster und wieder kontrollierter zu ernähren. Und vor allem auch „gesünder“. Ich achtete auf Kohlenhydrate, Zucker und Fett, integrierte mehr Gemüse und „Superfoods“ in meinen Speiseplan. Als ich dann im Studium unzufrieden und gestresst war, verlor ich langsam wieder an Gewicht. Und quälte mich außerdem trotzdem täglich zum joggen – vordergründig zum „Stressabbau“, im Hintergrund aber vor allem, um meinen Körper zu kontrollieren. Und mein Essverhalten wurde ebenfalls immer eingeschränkter und restriktiver - ich wollte meinem Körper natürlich nur „gesunde Nahrung“ geben. Ich redete mir ein, weniger Nahrung als andere zu „brauchen“ und die Kontrolle über mein Essverhalten einfach nur besonders diszipliniert war. Und da ich schon immer sehr gut diszipliniert sein konnte, wurde ich wieder sehr dünn.

 

Einige Zeit später setzte ich die Pille wieder ab und (Überraschung) meine Periode blieb wieder aus. Ich wusste also  – schon aus eigener Erfahrung – dass etwas nicht stimmte und ich wahrscheinlich gar nicht so gesund war, wie ich es mir vorspielte. Aber lange Zeit schaffte ich dies zu ignorieren. War hart zu mir und meinem Körper und mochte mich dabei noch nicht einmal besonders. Mein „gesundes“ Essverhalten machte es zudem auch schwieriger mit anderen „nicht so gesunden“ Menschen zu essen, da meine Ernährungsweise sehr kontrolliert und damit auch eingeschränkt war.

 

Aber ich fand immer noch eine Möglichkeit, mein Essverhalten vor mir zu rechtfertigen. Ich fühlte mich ja eigentlich gut. Bis auf meinen Zyklus war ich gesund und sportlich. Und eben dünn.

Ein Wandel setzte ein, als ich begann mehr Yoga zu üben. Yoga war bislang nur ein kleiner Teil meines Lebens gewesen, jetzt wurde es Teil meiner täglichen Routine. Ich ging nicht mehr joggen und praktizierte stattdessen Yoga. Und lernte so, meinen eigenen Körper liebevoller zu betrachten und mir auch Ruhe zu gönnen. Wobei ich rückblickend betrachtet zunächst trotzdem vor allem zu den herausfordernden und anstrengenden Klassen ging. Weil ich mich nur nach der Anstrengung in Shavasana entspannen konnte – erst wenn ich das Gefühl hatte, mir Entspannung verdient zu haben. Yoga wurde ein so wichtiger Teil meines Lebens, dass ich innerhalb von drei Jahren zwei Yogalehrerausbildungen absolvierte und nach Abschluss meines Psychologiestudiums begann nur als Yogalehrerin zu arbeiten. Das war schön und ich konnte mir mehr Zeit für mich und meinen Körper nehmen. Damit wurde mir auch zunehmend bewusster, dass obwohl ich nach außen hin wie eine gesunde Yogalehrerin wirkte, eben nicht alles in Balance war, da ich meine Tage immer noch nicht bekommen hatte. Und mein Wunsch endlich wieder gesund und weiblich zu sein wurde größer.

 

Ich begann, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und hörte von immer mehr anderen, die nach außen hin sportlich, sehr gesund wirkten und dem Ideal der „erfolgreichen Frau“ entsprachen, aber Zyklusstörungen hatten bzw. die Menstruation ausblieb. Nach einiger Recherche stieß ich auf den Begriff Hypothalamische Amenorrhoe, der eben dieses Phänomen bezeichnet. Die Menstruation bleibt aus – als Folge von zu viel Stress, unzureichender Ernährung, zu viel Sport und zu geringem Körpergewicht. Relativ schnell wurde mir klar, dass ich mehr essen und etwas zunehmen musste und mehr Entspannung brauchte, um meinen Hormonhaushalt zu unterstützen.

 

Es fiel mir aber schwer meinen so „gesunden“ Lebensstil aufzugeben – das konnte schließlich nicht falsch sein. Viel Yoga und viel Gemüse musste doch gut sein, oder?

Aber letztendlich tat sich doch nichts an meinen Zyklus und ich kam mehr und mehr zu dem Punkt, dass sich so nichts ändern würde. Und begann dann letztendlich doch, mehr zu essen und wieder mehr „ungesunde“ Produkte in meinen Speiseplan zu integrieren. Weißmehl und Zucker und zugleich mehr Fette in Form von vielen Nüssen. Ich begann öfter zu essen und obwohl es mir am Anfang Angst machte, meinen „gesunden“ Lebensstil aufzugeben, merkte ich schnell, dass mir die höhere Energiezufuhr und die größere Freiheit beim Essen gut tat. Ich war schon entspannter dadurch, dass ich einfach essen konnte, was ich wollte und was verfügbar war, statt immer auf meiner „gesunden“ Ernährung zu beharren. Zusätzlich veränderte ich auch meine Yogapraxis und legte einen größeren Fokus auf Entspannung. Meditation nahm einen größeren Stellenwert für mich ein. Und vor allem nahm ich mir Zeit, mich mit mir selbstauseinander zu setzen und meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wieder wahrzunehmen. Journaling, Intentionen setzen, auf meinen Körper hören. Und auch einfach mal gar nichts tun.   

 

Und nur sechs Wochen nachdem ich alle meine Regeln aufgab, meine Ernährung umstellte und mir mehr Entspannung gönnte, setzte meine Periode wieder ein.

 Ich konnte kaum glauben, wie schnell und wie einfach es dann doch ging, wenn ich ein paar Kilo zunahm und mir mehr Freiheit und Gelassenheit zugestand. Und vor allem, wie „relativ“ mein gesunder Lebensstil war. Tatsächlich war er nämlich nicht gesund, sondern einfach nur kontrolliert und letztendlich eine Einschränkung in vielen Bereichen für mich.

 

Und es ist ein Problem, das viele Frauen betrifft. Mittlerweile haben mir schon einige Frauen geschrieben, denen es ähnlich geht und das Bild einer „gesunden Frau“, das die Wellness-Industrie uns vermittelt, trägt zu der Problematik bei. Weiblichkeit bedeutet eben nicht, dünn und kontrolliert zu sein, sondern eben auch einen „weiblichen“ Körper zu haben. Und „gesunde Ernährung“ bedeutet nicht, bestimmte Nahrungsmittel völlig auszuschließen, weil sie „schlecht“ und „ungesund“ sind, sondern auf den eigenen Körper zu hören und ihn mit ausreichend Energie zu versorgen. Den eigenen Körper zu spüren und zu würdigen und seine Weisheit anzuerkennen, statt ihn abzulehnen, wenn er mehr will, als wir uns zugestehen. Wir können dankbar sein, dass unser Körper weiß, was er braucht, wenn wir es zulassen und zuhören. Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen ist ein Prozess.

 

Der nächste Artikel wird sich noch einmal genauer mit Hypothalamischer Amenorrhoe beschäftigen: Was das eigentlich genau ist, wie es entsteht, was es für Konsequenzen hat. Und dann natürlich auch mehr dazu, was du tun kannst, wenn auch deine Periode ausbleibt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich dir sagen, dass sie wieder kommt – wenn du bereit bist, etwas zu verändern. Unsere Körper sind glücklicherweise sehr resistent und nehmen unsere Hilfe dankbar an. Unsere Selbstheilungskräfte müssen nur aktiviert werden. Indem wir beginnen, wieder auf unseren Körper zu hören.

 

Bis bald!

 

Love

Helen

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Sophia (Donnerstag, 02 Mai 2019 17:19)

    Liebe Helen,
    wie untergewichtig warst du denn vorher? Ich habe in einem anderen Artikel von dir die Tabelle gesehen in der angezeigt wird, um wieviel der BMI ansteigen muss...zu meiner schlimmsten Zeit hatte ich BMI 13...mittlerweile bin ich bei ca. 18/18,5...meine Periode habe ich noch nicht.
    Viele Grüße,
    Sophia